Geschichte

Ich bin mit meinem Sohn, dem Geologen, in der Junihitze zum untern Verzascatal hinaufgestiegen. Die Talsperre ist fast beendet. Es herrscht intensiver Arbeitseifer und Werklärm. Antennen, Krane, Silos. Zement und zerkleinertes Berggestein bilden die grosse, gewalttätige Mauer, die das Tal absperrt. Auf dem tadellosen doppelten Bogen wimmelt es von Arbeitern wie von Ameisen. Mit dem Rauschen geölter Räder tranportieren die Schiebekarren die letzten Betonladungen.

Wir gehen auf der Staumauer. Grauer Zement, aus dem da und dort Eisenstücke hervorragen. Sie bilden das Skelett dieses steinernen Organismus', der nicht tot und starr, sondern wie mir Filippo erklärt elastisch, vibrierend, kurz: lebendig ist. Es herrscht Weltuntergangsstimmung: ein rasend schnelles und doch geregeltes, fast ruhiges Hin und Her, das seinen eigenen Zauber hat. Von der mächtigen Mauer gestaut, steigt das Wasser und verschlingt ganz langsam abschüssige Böschungen, Felder und Ställe, überschwemmt eine Welt undenklicher, namenloser Mühsal, um Energie, Wärme und Licht hervorzubringen. Ich betrachte mit verwirrten, fast bestürzten Blicken dieses riesige Unternehmen. Mein Sohn Filippo sitzt auf der Erde und prüft mit erfahrenem Geologenauge die «Karotten», die aus den Eingeweiden des Berges herausgezogenen Gesteinsproben. Er prüft ihre Dichtigkeit, die Kohärenz, den möglichen Widerstand, den das Werk dem ungeheuren Druck entgegensetzt. Er gehört dieser Welt an, die auf ihre Art verzaubernd ist, dieser Welt, die ich mit Misstrauen betrachte, einem Misstrauen, das gleichsam von Entsetzen durchzogen ist. Es ist eine Welt, weit entfernt von meinen Interessen, meinem Verständnis. Die Raumforschung und die Eroberung des Mondes berühren mich nicht sehr stark. Dies sind Dinge, denen ich eine vielleicht verblüffte, doch kühle, abstrakte Bewunderung zolle. Mir scheint, ich lese in den Blicken der Techniker und Arbeiter die Antwort auf mein Misstrauen; sie sind kalt, vielleicht ein bisschen ironisch.

Ich betrachte das gleichmütige Wasser, das immer höher steigt, die Wolken, die sich in den schmutzigen Fluten spiegeln, wie die fernen Häuser von Vogorno, jene Häuser, die stehenbleiben und jene andern, die dazu verurteilt sind, zu verschwinden. Ein leiser Windhauch kräuselt die Oberfläche des Sees ein wenig und zersplittert die weissen Wolken, zerstreut sie wie auf einem impressionistischen Gemälde. Esss heisst, es seien Millionen von Kubikmetern, ich weiss nicht, wie viele Millionen. Aber wenn ich mir überlege, dass ein Kubikmeter tausend Liter enthält und dass man mit einem Liter zehn redliche Gläser füllt dann werden für mich, der ich nach Gläsern rechne, die Dinge verteufelt unverständlich, ich finde mich nicht mehr zurecht, ich fühle, wie mir schwindelt .

Auf der alten Strasse, die morgen unter Wasser liegt, spaziere ich allein nach Vogorno weiter. Es werden dort bald nur noch Forellen schwimmen, vielleicht ein wenig betäubt von all dem Neuen. Ich bleibe jenseits des Wassers vor den einsamen Häusern von Tropino stehen; eine Handvoll Ställe, die von der Zeit und dem Elend schwarz geworden sind. (Einst aber war der Weiler bedeutend und dicht besiedelt. Er wird schon in einem Dokument aus dem Jahre 1411 erwähnt, in dem die Gemeinde Mergoscia einen Guillermuzetum ermächtigte, die Unterwerfung unter den Herzog von Savoyen zu vollziehen. In dem Dokument werden die Bewohner von Mergoscia von denen von Tropino unterschieden). In einem jener Ställe, die sich im Wasser spiegeln, wurde vor mehr als einem Jahrhundert meine Mutter geboren. Ich weiss nicht, war es in dem jetzt noch unberührten oder in dem schon des Daches beraubten, oder in dem, den eben jetzt die Fluten bespülen. Und sie wurde dort unter Verhältnissen geboren, die man nicht zu schildern wagt, denn niemand würde einem glauben.

Die Häuser, die unter Wasser zu stehen kommen, wurden abgedeckt. Jene dreieckige Offnung unter dem Dach fehlt nun. Man hat die Holzteile weggenommen, damit nicht grosse und kleine Balken auf dem Wasser herumschwimmen. Alles muss ständig gesäubert werden. Zwei Männer in einem Boot sammeln das schwimmende Holz, bringen es ans Ufer und verbrennen es. Eine hellblaue Rauchsäule steht in dem Licht, das durch die beiden einander gegenüber liegenden Abhänge vom See heraufdringt, vom richtigen See. Es ist nicht das langsame und eigentlich barmherzige Werk der Zeit, das wohl zerstört, aber doch auch geduldig die Wunden verbindet und sie vernarben lässt. Es ist die unbarmherzige Hand des Menschen, die den Dingen Gewalt antut und alles nach ihrem Willen zurechtbiegt, oder doch zurechtzubiegen versucht, und zwar mit ruhiger, gleichmütiger Heftigkeit. Hier erlebt man den Gegensatz zwischen den Leuten von gestern, die der kargen Erde einen elenden Unterhalt abrangen, jenes Bisschen, das die Natur gewährt, und den heutigen Menschen, welche die Natur vergewaltigen, sie zu dem zurechtbiègen und zwingen, was die Natur nicht will. (Doch ab und zu lässt einen ein kleines Achselzucken der Natur nachdenklich werden...)

Die wenigen übriggebliebenen Ställe sehen aus wie Tiere, die sich dort am Ufer des Wassers zum Trinken niederkauern. Wie ein erschrockenes Auge sperren sie das einzige weissumrandete Fensterchen im Grau der rauhen Mauer auf. Sie sind die Denkmäler dessen, was die Welt meiner Vorfahren gewesen ist, die Trümmer des Stalls, wo vor mehr als einem Jahrhundert meine Mutter zur Welt kam. Ihre Mutter, meine Grossmutter, war allein. Niemand stand ihr in der Qual der Entbindung bei. (Und es war ihre erste Entbindung.) Um sich irgendwie zu ernähren, musste sie hinausgehen und eine Handvoll Gras ausraufen. (Es war Februar, und an jener Stelle ist es lau und mild.) Und sie musste das Gras kochen, um nicht Hungers zu sterben. Es ist, als sei das eine Geschichte unterentwickelter Völker (wie die Leute es denn auch tatsächlich waren), eine Erfindung der finstersten Romantik. Aber es ist nichts als die lauterste Wahrheit jenes Lebens, das ich mit einer Mischung aus Mitleid und der Bitte um Abwendung des Elends betrachte. Es war ein entsetzliches Leben, hätte man nicht die Gewissheit gehabt, in den Himmel zu kommen. Doch auch diejenigen, welche diese Gewissheit nicht hatten, harrten zähe aus.

Es ist ein Leben, von dem ich mich sehr weit entfernt fühle, von dem ich ausgeschlossen bin, wie ich auch ausgeschlossen bin von dem Leben, an dem Filippo heiter teilhat, während er dort auf der Erde sitzt und die «Karotten» prüft. Ich gehöre nicht mehr zur Welt meiner Vorfahren, und noch nicht zu der meines Sohnes. Ich bin vereinsamt zwischen einer jetzt fremd gewordenen Vergangenheit und einer Gegenwart, die für mich Zukunft ist, so dass für die Gegenwart, für meine Gegenwart, kein Platz mehr bleibt. Ich fühle mich allein, vereinzelt, schwebend zwischen zwei Lebensweisen, die zwar in der Zeit nebeneinander bestehen, die aber unendlich weit voneinander entfernt, durch Jahrtausende voneinander getrennt sind. Einerseits der vergebliche, einsame Schweiss auf der elendiglichen Erde und andererseits die Gewalttätigkeit der Energie, die aus dem Beharrungsvermögen des Wassers gewonnen wird. Ich frage mich, zu welcher Welt ich nun eigentlich gehöre, an welcher Welt ich teilhabe, so ohne Verbindung mit der Vergangenheit und ohne Brücken in die Zukunft.

Piero Bianconi
1899 bis 1984
aus
'Der Stammbaum'
Werner Classen Verlag

 
In Tropino kam die Mutter von Piero Bianconi zur Welt
Das Kraftwerk ->